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Ein stück Menschheitsgeschichte in Bildern

Ein Freund verschwindet spurlos. Daher reist die Ich-Erzählerin an die Orte, an denen sie einst gemeinsam waren und an denen er zuletzt gesehen wurde. Um ihn zu finden. Um zu erfahren, was mit ihm geschehen ist. Viele Kilometer und Höhenmeter später bleibt der Mann unauffindbar. – Soweit der große Handlungsstrang eines Buches, in dem aber viel mehr passiert und das plötzlich einen Sog ausübt. Dabei, ich gebe es zu, war ich anfangs befremdet. Beginnt die Geschichte doch mit einer Wanderung in hochgelegene Alpenregionen, dort, wo man alleine ist mit einigen Steinböcken, dem Fels und dann dem ewigen Eis. Schilderungen von Bergtouren? Nein. Nicht nur. Es wird spannend: Es geht hier um die Menschen und um ihre Geschichte, um die Erde und ihre Entwicklung. Details werden beschrieben, große Zusammenhänge klar. Und außerdem wird so ganz nebenbei die Geschichte des Alpengeologen Albert Heim (1849–1937) erzählt. Der Roman ist eine Collage aus Geschichten, Orten, historischem Bildmaterial, wissenschaftlichen Schriften, Berichten und Artefakten. All diese Fragmente werden von der jungen Autorin und bildenden Künstlerin (!) kunstvoll zusammengesetzt und verwoben. Sie spürt Menschen nach, bereist Orte und Plätze, an denen sie gewesen sind, untersucht sie, würzt sie mit persönlichen Gedanken und erweckt den Stoff auf eine mitreißende und einzigartige Weise zum Leben. Da sind ihre unbändige Neugier auf das Weltliche und die Faszination, die das Zeitliche auf sie ausübt, sowie ein beinahe kindliches Staunen über die Landschaft. Durch ihre suggestive klare Sprache übertragen sich die Empfindungen auf den Leser, kein Wort ist zu viel, keines zu wenig. Ihre Figuren entstehen in jeweils kurzen Kapiteln vor dem inneren Auge des Lesers genauso wie die Berggegenden der Schweiz und Englands. Die Geschichte ist still wie das ewige Eis. Und zu gleicher Zeit langsam und schnell.

Fazit: Ein besonderes Buch zwischen Fiktion und Wissenschaft. Naturphänomene, Erdgeschichte und zwei Geschichten werden kunstvoll zusammengesetzt
zu einem Stück feinster Literatur.

Belletristiek – Karoline Pilcz