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Wo die Erde ihre Stirn runzelt

Gletscherüberquerung am Piz Bernina

Gletscherüberquerung am Piz Bernina im frühen zwanzigsten Jahrhundert.

Die niederländische Autorin Miek Zwamborn erkundet die innere und äußere Landschaft
der Schweizer Alpen – und folgt dabei den Karten des Geologen Albert Heim.

Im Sommer gibt es in manchen Orten der Schweiz Bergkristall-Festivals. Die Erzählerin sieht die Plakate schon von Weitem. Als sie sich unter die Sammler mischt, ums Handgelenk ein knallrosa Bändchen, denkt sie zunächst an einen Werbefilm. Doch irgendwann fällt ihr ein Rauchquarz auf, dessen Spitze aussieht wie von Metallspänen befleckt. Vorsichtig hält sie ihn gegen das Licht – und bemerkt in seinem Inneren winzige Bruchflächen, auf der sich die Farben spiegeln: „Er war trübe, alles andere als rein, B-Ware, aber eben diese Makel, diese Unvollkommenheit machten ihn interessant.“
Das Interesse, das die niederländische Autorin Miek Zwamborn ihre Figur verspüren lässt, kommt nicht von ungefähr. Die Aufmerksamkeit für kleine Veränderungen in den Dingen und in ihrer Geschichte ist so etwas wie die Glutspur, die sich durch die Seiten dieses wundersamen Buches zieht. Als hätten ihr W.G. Sebald oder Cheryl Strayed beim Schreiben über die Schulter geblickt, schickt Zwamborn ihre Ich-Erzählerin auf Reisen durch die Landschaft. Zwischen diese Erkundungen sind Fotos gesetzt, Bilder von der Gegend, von fossilen Funden oder historischen Figuren, dazu Einsprengsel aus Studien und Karten, Briefe und Modelle der Landschaft. Allerdings führen die Wanderungen hier weniger an Meeresküsten, sondern ins Gebirge, genauer: in die Schweizer Alpen.
Miek Zwamborn, 1974 in Schiedam geboren, arbeitet auch als bildende Künstlerin, sie übersetzt und schreibt großartige Gedichte. Einige Jahre lang hat sie selbst in der Schweiz gelebt. Doch „Wir sehen uns am Ende der Welt“ ist nichts weniger als ein ödes Bergtagebuch. „Mit unseren imaginären Feldstechern spüren wir das Watt ab“, heißt es in einem ihrer Verse. Und so vermischen sich Beschreibungen der Landschaft mit der Wahrnehmung des Körpers, mit dem Geruch des Schnees und den Geräuschen der Schritte im Fels, werden zu
Geschichten über das Leben von Forschern und Erzählern und ihrer Gedanken.

Was das Buch bis in den unscheinbarsten Satz hinein beweglich hält, ist die tiefe Lust, sich nicht mit den bekannten Einteilungen der Welt zu begnügen, sondern „Neuland zu betreten“, wie Zwamborn schreibt, abgelegene Gebiete zu entdecken und mit der Landschaft zu verschmelzen.
Dabei haben die Erkundungen einen durchaus konkreten Anlass. Jens, ein guter Freund der Erzählerin, ist verschwunden. Und langsam wächst die Angst, Jens könnte etwas zugestoßen sein: Wurde er von einem Gletscher verschlungen? Stürzte er von einem Felsen oder ertrank vielleicht in einem Fluss? Zusammen mit seinen Eltern gibt sie eine Vermisstenanzeige auf. Und sie beginnt Jens zu suchen: „Wie sucht man jemanden, von dem man nicht weiß, wohin er gegangen ist? Irgendwie bildete ich mir ein, dass ich dem Punkt seines Verschwindens näher käme, wenn ich die Orte aufsuchte, von denen er mir erzählt hatte.“ So bricht sie auf, nur mit Schlafsack, Zelt, Kamera und einem Fernglas im Gepäck, zunächst nach England, dann in die Schweizer Berge in die Nähe von Luzern, wo sie das letzte Mal gemeinsam mit
Jens unterwegs war.

Vor allem aber beginnt die Erzählerin sich zu erinnern. An Routen, von denen Jens ihr berichtet hatte, an Veränderungen in der Landschaft, aber auch an Besuche in Museen, an seine liebsten Funde, kleine Schriftstücke etwa oder ein Tableau aus Gesteinsschichten: „Ich würde mich an jedes Lebenszeichen von ihm klammern, um herauszufinden, was ihn in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden bewegt haben mochte.“ Das Wandern hilft gegen die kaum zu ertragende Leere. Und die zugleich begonnenen Studien zu Gletschern
und Gesteinsschichten erzeugen die Illusion, wenigstens einen winzigen Teil der Ereignisse zu verstehen.

Eine der wissenschaftlichen Quellen, mit denen sie sich beschäftigt, stammt von dem Schweizer Geologen Albert Heim. Heim lebte von 1849 bis 1937, ein enthusiastischer Wanderer und ein begnadeter Forscher, der mit 23 seine erste Professur
bekam. Schon vor Jens’ Verschwinden hat die Erzählerin von ihm gehört. Nun beginnt sie Heims Leben und seine Schriften zu erkunden. Seine Liebe zu den Bergen, erst recht aber seine Kontraktionstheorie, nach der die Erde ganz langsam auskühlt und sich zusammenzieht, schrumpft wie ein vertrocknender Apfel.

Die Gebirge als tektonische Runzeln. Auch wenn diese Theorie inzwischen überholt ist – für die Erzählerin wird sie zu einem wunderbaren Bild ihrer Situation. Ihre Trauer zieht sich nach und nach zusammen, ohne freilich jemals ganz zu verschwinden.
In den winzigen Modellen von Landschaft, die Heim zeitlebens angefertigt hat, spiegelt Miek Zwamborn auch ihr eigenes Schreibverfahren. Alles ist hier mit allem verbunden, wahrgenommen und zugleich hoch künstlich, vergleichbar jenem Strang bunter Wollfäden, den die Erzählerin einmal an der Wand eines Bergwerks entdeckt: „Jeder Faden führte in einen anderen Teil des Bergwerks. Die Kreuzungen waren alle gekennzeichnet (. . .), damit man sich nicht verirrte.“ Nur dass man sich bei Zwamborn, in einem emphatischen Sinne,
trotzdem verirrt. In den kaum merklichen Lücken zwischen einzelnen Erzählfäden. In den Fotos, die manchmal als Illustrationen erscheinen, manchmal aber auch Verschiebungen und Risse markieren. Und in den Sätzen, die ebenso dicht sein können wie angenehm flapsig, voller Bruchflächen und Farben. Die Übersetzerin Bettina Bach hat diese vielen Töne gut ins Deutsche geholt, nur einige wenige Formulierungen
gleiten zu sehr ins Idiomatische.

„Wie kann man sich etwas immer wieder mit einem frischen Blick ansehen?“, fragt sich Albert Heim am Ende. Indem man Miek Zwamborns Sätzen folgt, zum Beispiel. Sie erweckt Heim für uns zum Leben, folgt seinem Denken, das genauso in Bewegung ist wie die Landschaft, die er erforscht. Nebenbei sieht sie sich Modelle und Studien an, immer darauf bedacht, die geheimen Verbindungen zwischen den Dingen mit ihrem imaginären Feldstecher in den Blick zu nehmen. Und paradoxerweise entsteht gerade so derselbe Eindruck, den Albert Heim beim Betasten einer alten Karte hat: „Bei ihrer Betrachtung bekommt man das Gefühl, die Landschaft wirklich zu betreten.“